Süß-herbe Verlockung: Ostfriesischer Teegenuss

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Neben Kluntje darf auch das Wölkchen im echten Ostfriesentee nicht fehlen – umrühren strengstens verboten. Foto: Emmerich

Die kalte Jahreszeit verbinden viele mit Teegenuss. Nicht so in Ostfriesland. Da gehört eine gute Tasse Ostfriesentee zum Tagesablauf mit dazu – und für Besucher wird selbstverständlich auch zwischendurch gerne noch eine Kanne frisch aufgebrüht. Nicht umsonst wird weltweit nirgends so viel Tee getrunken wie in Ostfriesland …


… Der Pro-Kopf-Verbrauch liegt hier bei rund 300 Litern im Jahr, etwa die elffache Menge eines Durchschnittsdeutschen und auch mehr als die Bewohner von Kuwait, Afghanistan, Irland und Großbritannien durchschnittlich konsumieren.

Im Norden wird gar nicht erst gefragt, welcher Tee es sein soll. Ganz klar wird eine Kanne „echter Ostfriesentee“ zubereitet: Dieser Schwarztee wird selbstverständlich nicht in der Region angebaut. Allerdings dürfen nur die in Ostfriesland zusammengestellten Mischungen verschiedener Assam-Tees, teilweise kombiniert mit feinen Teeblättern aus anderen asiatischen Anbaugebieten, den Namen „Echter Ostfriesentee“ tragen. Dabei ist es wirklich Geschmacksache, welche Mischung von einem der drei großen Teehäuser (Onno Behrends (Norden) hat stärkere Teemischungen, Thiele (Emden) die am meisten verkauften und Bünting (Leer) bietet eher mildere Mischungen an) der Teetrinker nun bevorzugt.

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Zur Gastfreundschaft gehört in Ostfriesland immer eine Tasse Tee. Foto: Emmerich

Doch wie sind die Ostfriesen überhaupt auf den Tee gekommen? Der erste Tee war bereits 1610 in die Region gekommen, doch erst im Laufe des 18. Jahrhunderts wurde der Tee für alle erschwinglich. Schnell wurde dieser dann in Ostfriesland zum Volksgetränk, war doch Wasser oft nicht „pur“ genießbar und Bier zu teuer. Meist wurde der Tee zwei oder gar drei Mal aufgebrüht, nur wenn Besuch kam, wurde er stärker aufgegossen. Daraus ist dann auch die typische ostfriesische Teezeremonie entstanden, die man – wie auch mehr über die Geschichte und Tradition des Tees –  im Ostfriesischen Teemuseum in Norden erleben kann. Zwei Mal in der Woche (mittwochs und samstags um 14 Uhr sowie für Gruppen auf Anfrage) haben Teetrinker und solche, die es noch werden wollen, die Chance an einer echten ostfriesischen Teezeremonie teilnehmen. Darüber hinaus erhalten die Besucher im historischen Alten Rathaus der Stadt faszinierende Einblicke in die Anbaugebiete, Verarbeitung und Herstellung des Tees, erfahren viel über Teegeschirr und Dekore, aber auch über die verschiedenen Teetraditionen einzelner Länder.

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Einblicke in die unterschiedlichsten Aspekte des Ostfriesentees erhält man im Ostfriesischen Teemuseum in Norden. Foto: Emmerich

Zelebrierter Teegenuss
Wer den echten Ostfriesentee stilecht zelebrieren möchte, der sollte folgende Schritte einhalten: Zunächst einmal wird Wasser zum Kochen aufgesetzt. Die Teekanne wird mit heißem Wasser angewärmt, dann kommen die Teeblätter in die Kanne und werden mit sprudelnd heißem Wasser übergossen. Die Kanne wird jedoch nicht vollgemacht, sondern nur die Blätter bedeckt. Dies lässt man dann drei bis fünf Minuten ziehen, bevor man die Kanne mit heißem Wasser auffüllt.
Dann nimmt man sich mit der Kluntjezange ein großes Kandisstück (Kluntje) oder mehrere kleine und legt diese in die feinen, kleinen Teetassen, bevor sie mit dem heißen Tee übergossen werden. Nur wenn die Kluntje (der Ostfriese bevorzugt den weißen Kandis) knistern und auseinanderfallen, war der Tee heiß genug. Damit ist die Zeremonie aber noch längst nicht abgeschlossen: Am Tassenrand setzt man nun vorsichtig den Rahmlöffel an, mit dem man vorsichtig die Sahne in den Tee laufen lässt, so dass sich Wölkchen bilden. Achtung: Das Ganze bloß nicht umrühren! Der neben der Teetasse liegende Löffel hat eine ganz andere Bedeutung.

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Schritt für Schritt wird das Zubereiten des echten Ostfriesentees erklärt. Foto: Emmerich

Die Tasse Tee leert ein Ostfriese in drei Schlucken – sahnig ist der erste, etwas bitter der zweite und der dritte, mit dem die Tasse geleert wird, ist süß. „Drei ist Ostfriesenrecht“ heißt es so schön, was auf eine Doppelbedeutung hinweist. Denn die Tasse wird nicht nur in drei geschmacklich unterschiedlichen Schlucken geleert, die an die verschiedenen Lebenslagen erinnern sollen, dem Gast und Teetrinker stehen auch mindestens drei Tassen zu. Im Grunde schenkt der Gastgeber aber so oft nach, bis der Gast seinen Löffel in die Tasse stellt. Das ist in der Region der wortkargen Menschen das Zeichen, dass man nun keinen Tee mehr nachgeschenkt haben möchte….
Damit der Tee übrigens in der Zwischenzeit nicht kalt wird, wird er auf ein Stövchen gestellt. Und noch eine Besonderheit: Die Teeblätter werden nicht aus der Kanne gefischt – sie verbleiben darin, zurückgehalten von einem Teebesen, der in der Schütte der Kanne eingeklemmt ist.
Tee zu jeder Tageszeit und in jeder Situation
Im Norden gehört der Tee fest zum Tagesablauf dazu. Kein Wunder, dass es daher den Ausspruch „Bi uns word de Treckpott de heel Dag neet kold“ gibt, was zu gut Deutsch heißt: „Bei uns wird die Teekanne den ganzen Tag nicht kalt. Denn viele Ostfriesen trinken morgens noch am/im Bett den ersten Tee, dann geht es beim Frühstück weiter. Zwei Teepausen sind in vielen (landwirtschaftlichen) Familien und Betrieben heute noch Pflicht: Der „Elführtje“ um 11 Uhr und der Nachmittagstee um 15 Uhr, wie mir die beiden Nordener Landfrauen Theda Alts und Anneliese Itzen berichten. Bei so viel Teekonsum im Laufe des Tages ist dann wohl auch klar: Gegen 21 Uhr gibt es dann noch mal einen Abendtee vor dem Schlafengehen.

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Die beiden Landfrauen Theda Alts und Anneliese Itzen plauderten über ihre Teekultur. Foto: Emmerich

Ob Anekdote oder Wahrheit muss jeder für sich entscheiden: Mir haben die Landfrauen erzählt, dass bereits die Babys etwas Ostfriesentee in ihr Milchfläschchen bekommen, um sich an den Geschmack zu gewöhnen. Erst einmal auf den Geschmack gekommen, kann man sich dem Genuss des Ostfriesentees dann auch nur schwerlich wieder entziehen. So sollen „echte“ Ostfriesen auch nur dorthin in Urlaub fahren, wo sie entweder gutes ostfriesisches Wasser für ihren Tee bekommen oder dieses mitnehmen können.
Süß und knusprig muss es sein
Zum Tee wird immer eine Kleinigkeit gereicht – denn einerseits ist der Ostfriese von Natur aus süß veranlagt, zum anderen soll damit der herbe Tee dadurch – wie auch durch die Kluntje und die Sahne – eine süße Beigabe erhalten. Was es dazu gibt, liegt ganz im Ermessen des Gastgebers. Ein Plätzchen, klassisches Teegebäck aus Mürbeteig, gehört aber auf jeden Fall dazu: „Das kann dann entweder ein Taler sein, der mit Hagelzucker, Mandeln oder aber auch Schokostückchen verziert ist“, erklärt Anneliese Itzen, Nordener Landfrau und Vorsitzende des Vereins, die mit ihren Kolleginnen auch stets Teegebäck für den Weihnachtsmarkt vorbereitet. Teegebäck hat man immer im Haus oder für überraschenden Besuch einen vorbereiteten Teig in der Truhe, mit dem in kürzester Zeit knusprig-frische Kekse auf den Tisch kommen.
Ebenfalls eine Besonderheit sind die Norddeicher Teestuten, die gern zum Tee gereicht werden. Bäcker Gerd Grünhoff hat das Rezept für diese Zwieback-ähnliche Nascherei entwickelt, für die ein hochwertiger Hefeteig mit Rosinen und Korinthen versehen und gebacken, dann geschnitten, gebuttert, gezuckert und nochmals gebacken wird. Einmal davon gekostet, kann man nicht mehr aufhören…

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Von wahrlich verführerischer Knusprigkeit: Norddeicher Teestuten vom Bäcker Grünhoff. Foto: Emmerich

Wer es gerne noch etwas schokoladiger mag und Tee- mit Krimigenuss verbinden möchte, findet im Nordener Café ten Cate das richtige zu seinem Ostfriesentee: Hier gibt es nicht nur leckere Stuten, Pralinen und Torten. Zwei Kreationen von Konditormeister Jörg Tapper haben sogar ihren Eingang in die Ostfriesenkrimis von Klaus-Peter Wolf gefunden und schmecken sowohl Gästen als auch Kommissaren: der Marzipanseehund sowie die Deichgrafpraline, bestehend aus hochwertigem Sahnenougat, Marzipan und Edel-Vollmilchschokolade.

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Die süßen Kreationen vom Café ten Cate fanden bereits Eingang in die Ostfriesenkrimis und schmecken gerade auch zu einer Tasse Tee sehr gut. Foto: Emmerich

Mein Tipp für ein bisschen Auszeit für zu Hause:
Ostfriesentee samt Teegebäck schmecken nicht nur nach einem langen Strandspaziergang während des Nordseeurlaubs, sondern können auch überall in Deutschland den Alltag von Teeliebhabern versüßen. Mittlerweile führen viele Supermärkte nicht nur die Kluntjes und den echten Ostfriesentee. Wer möchte, kann sich seinen Gruß von der Nordsee (direkt von den Herstellern oder aus dem Teemuseum) schicken lassen und sich so eine kleine Tee-Auszeit zu Hause gönnen oder lieben Freunden damit eine Freude zum bevorstehenden Weihnachtsfest machen.
Eure Martina


Mein Rezepttipp zum Nachbacken: Omas Teekekse (von Landfrau Theda Alts)

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Das Landfrauen-Rezept für Teegebäck mit Variation ist gelingsicher und schmeckt. Foto: Emmerich

Zutaten:
500g Mehl
125g Zucker
375g Butter
2 Eigelb
2 Päckchen Vanillezucker
Zum Bestreuen: Zimt und Zucker, Hagelzucker oder gehackte Mandeln nach Belieben

Zubereitung:
Aus Mehl, Zucker, Vanillezucker, Butter und Eigelb einen Teig kneten und 30 Minuten kalt stellen. Walnussgroße Kugeln formen, mit der Hand flach drücken und auf das Backblech legen.
Mit Zimt und Zucker, Hagelzucker oder gehackten Mandeln nach Belieben bestreuen. Bei 180 bis 200 Grad etwa 20 Minuten im vorgeheizten Backofen backen.

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Teegebäck muss in Ostfriesland, ebenso wie der Tee, imm im Hause sein. Foto: Emmerich

Viel Spaß beim Ausprobieren!

 

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